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Icon of the Seas

Es gibt Dinge, die wirken schon auf den ersten Blick absurd. Die Icon of the Seas gehörte für mich dazu. Das Urteil stand innerlich eigentlich schon fest. Dann kamen die Fakten. Und je länger ich hinsah, desto weniger Argumente blieben mir.

Satirische Illustration der Icon of the Seas als schwimmende Stadt mit Hochhäusern, Wasserrutschen, Einkaufsmeile und Casino.

Kreuzfahrten

Ich hielt Kreuzfahrten lange für eine eher merkwürdige Urlaubsform. Nicht falsch verstehen. Der Grundgedanke ist mir durchaus klar:

  • Meer,

  • Sonne,

  • Essen,

  • Entspannung.

Soweit die Theorie.

Die Praxis wirkte auf mich allerdings lange wie ein schwimmender Kompromiss aus:

  • Einkaufszentrum,

  • All-inclusive-Anlage,

  • Seniorenbuffet,

  • und Evakuierungsübung.

Tausende Menschen laufen gleichzeitig in Sandalen durch Teppichflure, während irgendwo ein Pianist gegen die Geräuschkulisse eines Garnelenbuffets anzuspielen versucht.

Was man so braucht

Früher waren Kreuzfahrten relativ überschaubar. Die Schiffe waren elegante Ozeandampfer, mit Restaurant, Bar, und vielleicht einem kleinen Pool - und einem Kapitän. Menschen fuhren übers Meer, schauten gelegentlich aufs Wasser und kamen irgendwann wieder zurück. Das war ein durchaus funktionierendes Konzept.

Dann muss irgendwann jemand in einer Besprechung gesagt haben:
„Was wäre, wenn wir alles größer machen?“ 

Niemand hat da wohl widersprochen. 

Jedenfalls steht heute die Icon of the Seas im Hafen - aktuell das größte Kreuzfahrtschiff der Welt. Das Problem an diesem Schiff ist: Es ist vollkommen übertrieben. 

365 Meter lang!

Das klingt zunächst nach einer Zahl. Bis man feststellt, dass man am Bug steht und das Heck aussieht, als läge es bereits in einer anderen Postleitzahl.

Man muss sich die Dimensionen dieses Dings kurz bewusst machen.

  • 20 Decks,

  • Platz für mehrere tausend Gäste,

  • eine Crewgröße wie ein mittelgroßes Dorf,

  • mehr Unterhaltungsmöglichkeiten als manche Innenstädte.

Das Schiff besitzt:

  • Wasserparks,

  • mehrere Poollandschaften,

  • künstliche Stadtbereiche,

  • Luxus-Suiten,

  • eigene „Neighborhoods“,

  • Kletteranlagen,

  • Surf-Simulatoren,

  • Theater,

  • Lounges,

  • Cocktailbars,

  • Restaurants aller denkbaren Kategorien,

  • und wahrscheinlich irgendwo einen Mann, der ausschließlich dafür zuständig ist, dekorative Zitronenscheiben nachzufüllen.

Quasi fährt ein komplett eskalierter Freizeitpark langsam durch die Karibik. Die Menschen sagen inzwischen ernsthaft Dinge wie: „Wir wohnen im AquaDome-Bereich.“  Das klingt nicht mehr nach Urlaub, das klingt nach einer Luxuskolonie kurz vor dem Marsflug.

Und an diesem Punkt endet die Kategorie „Schiff“ eigentlich auch. Rational ist das alles schwer zu verteidigen.

Die Mengen an:

  • Energie,

  • Material,

  • Essen,

  • Wasser,

  • Klimaanlagen,

  • Personal,

  • und allgemeiner Übertreibung

kreuz und quer übers Wasser zu schieben … vollkommen absurd.

Nun ...

Im Grunde klingt das wie etwas, das Harald normalerweise auch spätestens nach dem dritten Satz ablehnen würde. Zu viele Menschen, zu wenig Fluchtmöglichkeiten, Buffets, Animationsprogramme, Menschen mit Strohhüten.

Dann habe ich mir die Icon of the Seas näher angesehen. Und da beginnt dann plötzlich ein seltsames Phänomen. Denn dieses Schiff macht etwas mit einem, das für die Kategorie „Schwachsinn“ ausgesprochen gefährlich ist.

Am Anfang denkt man definitiv: „Völlig absurd.“
Dann schaut man genauer hin. Und irgendwo - tief im limbischen System - bildet sich plötzlich sowas wie: „Naja, aber irgendwie …..hmmm …“

Unterwegs auf einer mobilen Immobilie 

Die meisten Fotos der Icon of the Seas sind eigentlich unbrauchbar. Nicht weil sie schlecht wären, sondern weil sie die Größe dieses Dings gar nicht vernünftig darstellen können. 365 Meter Länge sind zunächst einmal nur Zahlen, bis man beginnt, Menschen daneben zu sehen. Dann wird langsam klar, dass hier nicht einfach ein großes Schiff im Hafen liegt. 

Hier liegt ein Gebäude.
Ein sehr großes Gebäude.
Ein Gebäude, das beschlossen hat, sich fortzubewegen.
Mit Nachbarschaften.

NACHBARSCHAFTEN.

Früher war ein Kreuzfahrtschiff ein Schiff. Heute scheint die Branche die Frage gestellt zu haben:
„Wie groß darf ein Schiff werden, bevor es offiziell als Stadt gilt?“

Und die Antwort lautet offenbar: „Keine Ahnung. Wir testen das gerade.“

Kulinarik als neue Extremerfahrung 

Die Anzahl der Restaurants als albern zu empfinden, gehört sich wohl so. Man schaut sich die Liste der Restaurants zunächst mit der festen Absicht an, sich darüber lustig zu machen:
„Du liebe Güte … wie viele Restaurants braucht ein Mensch denn?“

Das funktioniert ungefähr acht Sekunden, denn man beginnt plötzlich zu rechnen. Auf diesem Schiff fahren mehrere tausend Menschen durch die Gegend.

  • Amerikaner.

  • Deutsche.

  • Franzosen.

  • Italiener.

  • Briten.

  • Menschen, die freiwillig Austern essen.

  • Menschen, die bei Austern die Polizei rufen würden.

Menschen also, mit völlig unterschiedlichen Vorstellungen davon, was gutes Essen überhaupt ist. Für den Bayern ist die frittierte Vogelspinne vermutlich ein Abenteuer. Für den Thai möglicherweise einfach Dienstag. Der Amerikaner möchte Steak. Der Italiener diskutiert vermutlich mit der Pasta. Der Deutsche sucht irgendwann verzweifelt nach einem Brötchen - oder vielleicht auch nach einem Formular dazu.

Und plötzlich wirkt die riesige Auswahl gar nicht mehr wie Luxus, sondern einfach wie durchdachte Logistik.

Beeindruckend gute Logistik, denn am Ende sollen mehrere tausend Menschen jeden Tag das Gefühl haben, sie hätten genau das bekommen, worauf sie gerade Lust hatten. Im Grunde ist das keine Gastronomie mehr, das ist kulinarische Verkehrsplanung.

Mit einem Restaurant kommt man da tatsächlich nicht weit. Selbst zehn wären vermutlich sportlich. Und plötzlich wird aus einer zunächst völlig absurden Zahl eine erstaunlich logische Zahl. Das ist ohnehin eine Spezialität dieses Schiffes. Man sieht etwas und denkt: "Völlig übertrieben." Dann schaut man genauer hin und stellt fest:
"Hmmm … vermutlich ist das sogar notwendig."

Wasser, Wasser, Wasser - und man kommt nicht rein.  

Genau dasselbe bei den Pools.

Der erste Reflex lautet natürlich: „Ein Pool auf einem Schiff. Im Meer. Das ist doch bescheuert.“

Klingt zunächst wie ein Scherz.

Bis man drei Sekunden darüber nachdenkt und einem auffällt, dass das Meer für die Passagiere praktisch gar nicht existiert. Niemand springt mal eben vom Schiff. Niemand schwimmt eine halbe Stunde neben dem Schiff her und ruft: „Moment, ich komme gleich wieder hoch.“

Das Schiff fährt. Meer bleibt Meer.
Also braucht man Pools. Viele Pools. Nicht weil die Planer verrückt geworden wären, sondern weil mehrere tausend Menschen in Badebekleidung statistisch irgendwann gleichzeitig ins Wasser möchten. Und plötzlich steht man vor einer Poollandschaft, die aussieht wie die Wellnessabteilung eines wohlhabenden Kleinstaates.

Man schaut sich Bilder dieser Poollandschaften an: Überall Wasser, überall Sonne, überall Liegen.
Und überall Menschen, die aussehen, als hätten sie seit Jahren kein Problem mehr mit ihrer Steuererklärung.

Man möchte sich darüber lustig machen. Das könnte man vielleicht auch, gehörte man nicht selbst zu denen, die gern zum Antritt ihres wohlverdienten jährlichen Urlaubs in ein Flugzeug steigen, statt vielleicht einfach mal die drei Wochen des wohlverdienten Urlaubs an einem schönen Waldrand einer 50 km entfernten Nachbarstadt zu erleben, die man dann näher kennenlernen kann. Getreu dem dauergepredigtem Motto: "Deutschland hat auch schöne Ecken" - und nicht erst in 600 km Entfernung.

Nichts. Und genau das ist der Luxus. 

Im Gegensatz zum Strand von Malle, ist das Meer selbst hier auf dem Schiff eigentlich unerreichbar. Darüber sprechen die Werbevideos erstaunlich wenig. Dabei ist es vermutlich der größte Luxus an der ganzen Geschichte.

Irgendwann verlässt man nämlich die Restaurants.
Irgendwann verlässt man die Pools.
Irgendwann steht man einfach am Geländer. 

Man steht da, und dann ist da nichts.

Keine Straßen.
Keine Termine.
Keine Paketboten.
Keine Staus.
Keine Arbeitskollegen mit “Kannst du mir bitte mal  …”
Keine Nachbarn, die sonntags um sieben Uhr beschließen, eine Flex zu testen.

Man könnte da stundenlang stehen … und dann ist da immer noch nichts.
Nur Wasser.
Bis zum Horizont.
Viele Dinge wirken auf Bildern beeindruckend. 

Der Horizont wirkt nicht beeindruckend.
Der wirkt ruhig.

Und genau das macht ihn wahrscheinlich wertvoll.

Weitere Möglichkeiten für schlechte Entscheidungen 

Natürlich besitzt das Schiff Casinos. Warum auch nicht? Schließlich gibt es die im “normalen “ Leben auch. Also kann man, wenn man schon eine schwimmende Stadt baut, den finanziellen Kontrollverlust auch direkt mit einplanen.

Interessanterweise wirkt ein Casino gar nicht wie der eigentliche Luxus. Der eigentliche Luxus ist vermutlich, überhaupt Zeit zu haben, dort hineinzugehen, während zuhause:

  • E-Mails warten,

  • Termine warten,

  • Rechnungen warten,

  • und irgendein Passwort wieder nicht akzeptiert wird.

Man sitzt plötzlich da, mitten auf dem Atlantik und überlegt, ob man 20 Euro auf Rot setzt. 

Eine interessante Verschiebung der Prioritäten.

Leinenhemden, Cocktails und andere Lebensformen 

Faszinierend sind auch gerne mal die anderen Gäste, denn Kreuzfahrten ziehen eine bemerkenswerte Mischung von Menschen an.

Man begegnet dort Menschen, die zuhause vermutlich vollkommen unauffällig sind. Auf einem Schiff entwickeln sie aber plötzlich neue Persönlichkeiten. So trifft man: 

  • Rentner mit erstaunlicher Cocktail-Ausdauer,

  • Familien mit militärischer Ausflugsplanung,

  • Menschen in Leinenhemden,

  • Menschen mit Socken in Sandalen

  • und Personen, die bereits am zweiten Tag aussehen, als würden sie das Schiff besitzen.

Jeder scheint auf dem Schiff exakt die Version seines Lebens zu leben, die er sich zuhause vorgestellt hat.
Menschen trinken Cocktails um elf Uhr morgens und niemand hinterfragt das. Menschen schauen aufs Meer und wirken dabei erstaunlich zufrieden mit ihrem Leben. 

Und irgendwie funktioniert das.

Das allein macht die Reise schon verdächtig.

Der Wahnsinn unter dem Wahnsinn 

Der eigentliche Wahnsinn beginnt allerdings im Verborgenen - unter Deck. Denn während oben Menschen entspannt Cocktails trinken, läuft darunter eine technische und logistische Operation, die zwar vollkommen absurd ist, dennoch eine Meisterleistung allererster Güte: 

  • Tausende Kabinen.

  • Tausende Mahlzeiten.

  • Tausende Duschen.

  • Klimaanlagen.

  • Wasseraufbereitung.

  • Energieversorgung.

  • Logistik.

  • Personalplanung.

  • Wäscherei.

  • Abfallmanagement

  • Lebensmittelversorgung

Irgendwo auf diesem Schiff muss schließlich jemand wissen:

  • wie viele Eier morgen benötigt werden,

  • wie viele Handtücher heute verschwunden sind,

  • wie viel Eis verbraucht wurde,

  • und warum auf Deck 17 plötzlich niemand mehr Tomatensaft bekommt.

Das klingt banal, ist es aber nicht. Denn diese Probleme treten nicht für 80 Hotelgäste auf, sondern für mehrere tausend Menschen gleichzeitig.

Die Icon of the Seas ist im Grunde ein schwimmendes Infrastrukturprojekt mit Meerblick. So versorgt dieses Schiff jeden Tag nahezu eine Kleinstadt. Nur, dass diese Kleinstadt gleichzeitig durch die Karibik fährt. Man könnte wahrscheinlich eine mittelgroße Stadt weniger kompliziert organisieren.

Und genau hier beginnt die eigentliche Faszination, denn die Icon of the Seas funktioniert nicht trotz ihrer Größe - sie funktioniert wegen ihrer Organisation.

Urlaub mit Kraftwerksanschluss 

Dann schaut man irgendwann nach den technischen Daten. Und während diese dem Ingenieur schnell Tränen in die Augen treiben, verfällt der normale Mensch wohl in eine leichte Schockstarre. Weil er den Fehler macht, diese Werte mit Leistungsdaten des heimischen, individuellen Leistungsbedarfs in Bezug zu setzen.

Das sollte man nicht tun.

Plötzlich liest man Zahlen über Motoren, Energieversorgung und Antriebssysteme, die eher nach Industrieanlage als nach Urlaub klingen. Und irgendwo unter all dem Luxus schiebt eine gigantische technische Infrastruktur dieses schwimmende Dorf zuverlässig durch den Ozean. Tag für Tag.

Während zuhause Menschen bereits daran scheitern, ein neues Handy einzurichten. 

Der Moment, in dem die Kritik langsam aufgibt 

Die Icon of the Seas ist nicht gefährlich, weil sie luxuriös ist. Luxus gibt es überall. Sie ist gefährlich, weil sie erschreckend konsequent durchdacht ist.

Man betrachtet dieses Schiff mit der festen Überzeugung, dass es kompletter Irrsinn sein muss.
Und das ist es auch.

Natürlich ist es:

  • übertrieben,

  • gigantisch,

  • absurd teuer,

  • völlig unnötig,

  • und vermutlich der Punkt, an dem die Menschheit beschlossen hat, Vernunft lediglich als Option zu sehen.

Dieses Schiff versucht aber auch gar nicht erst, vernünftig zu wirken. Es versucht ausschließlich, maximal beeindruckend zu sein. Und leider funktioniert das erschreckend gut.

Fazit

Ich fasse also zusammen: 

  • Das Schiff ist absurd.

  • Die Größe ist absurd.

  • Die Restaurants sind absurd.

  • Die Infrastruktur ist absurd.

  • Die Technik ist absurd.

Nur, mit jedem Detail wird es schwieriger, sich darüber lustig zu machen. Denn hinter jeder Übertreibung steckt plötzlich eine erstaunlich logische Erklärung. Und irgendwann sitzt man da, schaut auf Bilder von Balkonkabinen, Infinity-Pools und Sonnenuntergängen über dem offenen Meer und denkt:
„Naja … mal anschauen könnte man es ja.“

Genau so beginnt es.

Harald kennt inzwischen übrigens die Deckpläne.
Ich selbst stemme mich allerdings gegen die aufkommende Versuchung. 
Erfolgreich. 

Bisher.

Fairerweise zu erwähnen ist aber auch: Das Erlebnis “Kreuzfahrt” geht tatsächlich auch noch anders als in der maximalen Eskalationsstufe. Nicht jedes Schiff muss aussehen, als hätte eine mittelgroße Stadt beschlossen, schwimmen zu lernen.

Es gibt durchaus kleinere Schiffe mit weniger Decks, weniger Wasserparks und weniger Menschen in Leinenhemden. 

Aber Meer und Horizont bieten dieselbe Kulisse. Und die Wahrscheinlichkeit, einige Tage lang keinen Arbeitskollegen mit den Worten „Kannst du mir bitte mal kurz ...“ zu hören, ist gleich hoch.

Sollten Sie inzwischen gefährlich neugierig geworden sein, finden Sie hier sowohl die Icon of the Seas als auch einige bescheidenere Alternativen.

Wobei „bescheiden“ im Zusammenhang mit Kreuzfahrtschiffen natürlich ein ausgesprochen dehnbarer Begriff ist.

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