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SDM-008
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Das haben wir schon immer so gemacht
„Das haben wir schon immer so gemacht.“ - die beliebte Antwort auf eine Warum - Frage. Der Satz beantwortet allerdings die Frage nicht. Er beendet einfach nur das Gespräch.

Es gehört zu den schwächsten Argumenten überhaupt. Gleichzeitig ist es das erfolgreichste. Es beantwortet keine einzige Frage, und es beendet trotzdem unzählige Diskussionen.
Das ist fast schon genial … wenn es nicht so nichtssagend wäre.
Sie wissen, was jetzt kommt?
Ja, natürlich, schließlich haben Sie draufgeklickt - schon klar.
Das war also keine besonders gewagte Frage, aber sie passt so schön an diese Stelle.
Allerdings glauben Sie vermutlich, es ginge ums Tapezieren?!
Nun, lassen wir das vorerst mal so im Raum stehen.
Also dann … zum eigentlichen Auslöser für dieses Thema:
Rüdiger
Neulich war ich bei meinem Freund Rüdiger.
Rüdiger gehört zu den Menschen, bei denen Werkzeug nicht in einer Kiste liegt und vor sich hin gammelt, sondern regelmäßig benutzt wird. Mehr als regelmäßig sogar, würde ich sagen. Eher oft. Eigentlich immer.
Schleift irgendwo eine Tür, tropft ein Wasserhahn oder sitzt eine Steckdose schief, ruft niemand einen Handwerker.
Man ruft Rüdiger.
Nicht, weil Rüdiger etwa alles könnte, aber Rüdiger kann erstaunlich viel. Rüdiger ist vom berühmten “Tausendsassa” nicht weit entfernt. Sagen wir mal, er ist ein Achthundertsassa - nah dran also.
An diesem Nachmittag tapezierte er gerade sein Wohnzimmer. Der Tapeziertisch stand mitten im Raum. Das Radio lief leise als Geräuschkulisse. Auf dem Boden lagen bereits mehrere zugeschnittene Bahnen. Ein Eimer mit Tapetenkleister stand daneben. Ein paar noch ungeöffnete Tapetenrollen standen in der Zimmerecke.
Die typische Kulisse, das übliche Procedere.
Tapezieren halt.
Bahnen zuschneiden, einkleistern … und dran an die Wand. Festklopfen, mit dem Nahtroller das tun, wozu er gedacht ist, all das fand hier gerade statt.
Mir fiel mein eigenes letztes Renovierungswochenende ein.
Beim Tapezieren ist die eigentliche Arbeit nicht, die Tapete an die Wand zu kriegen, sondern das ganze Drumherum - das Davor und Danach. Alles besorgen, das Zimmer ausräumen (wohin mit den Sachen?), Plane auf dem Fußboden auslegen, Ränder abkleben, Steckdosen abmontieren. Und wenn es ganz dick kommt, die alten Tapeten abreißen, wenn schon 5 Schichten übereinander kleben. Manchmal klebt die untere, also älteste Schicht, (womöglich noch aus der Hippie - Zeit) so fest, dass man auch noch Geräte zum Lösen einsetzen muss. Da ergibt sich die Frage: Kaufen oder mieten? Oder jemanden finden, der eins hat und es einem kurz leiht.
Ich hatte Rüdiger angerufen.
Aber zurück zum Fall.
Rüdiger nahm die nächste Bahn, legte sie sorgfältig auf den Tisch und begann, sie einzukleistern.
Ich war etwas irritiert, hatte ich doch das Infoblatt auf dem Nebentisch gesehen, was den Tapetenrollen immer beiliegt.
Es waren Vinyltapeten.
Ich blieb einen Moment stehen und schaute zu. Nicht lange. Er wird seine Gründe haben, dachte ich zwar so bei mir, musste aber dann dem inneren Zwang nachgeben und nachfragen. Vielleicht würde ich ja dann wieder was lernen können.
"Sag mal ..."
"Hm?"
"Warum kleisterst du eigentlich die Tapete ein?"
Rüdiger hörte auf zu kleistern und sah mich an - und zwar, als hätte ich gerade gefragt, warum er zum Atmen Luft benutzt.
"Ernsthaft?"
"Ich frage nur."
Jetzt irritierte mich, dass Rüdiger scheinbar irritiert war.
"Na ja, Tapeten kleistert man halt ein. Klebst du deine etwa mit Tesa an die Wand?"
Ich nickte. Das klang zunächst nachvollziehbar. Ja, Tapeten kleistert man ein. Soweit ging ich mit. Seine Frage wertete ich als rhetorisch und ignorierte sie daher.
Ich zeigte auf die Verpackung.
“Hast du mal gelesen, was auf dem Zettel hier steht?”
“Wieso? Zum Tapezieren brauche ich doch keine Anleitung”
“Lies trotzdem.”
“Wieso?”
“Lies einfach.”
“Boahhhh …”
Rüdiger las, runzelte die Stirn, schaute wieder auf die Tapete, dann auf den Kleister, dann wieder auf die Rolle, dann auf mich.
Er rang sichtbar nach Worten.
"Oh ..."
Kurze Pause.
“Oh …?”
“Was steht da?”
“Kleister auf die Wand auftragen. Tapete nicht einkleistern.”
“Na sowas … aber, deshalb frage ich. Vielleicht hast du ja gewichtige Gründe"
Rüdiger zuckte mit den Schultern.
"Naja, das hab ich immer schon so gemacht. Das macht man halt so."
“Bei Vinyl?”
“Ich hab Vinyl zum ersten mal”
“Ach”
Rüdigers Blick ging zur Rolle, zum Kleister, zum Tapeziertisch mit den Bahnen. Er verzog irgendwie komisch das Gesicht.
“Na toll, das erklärt Einiges. Aber gut, dann eben Wand einkleistern."
Damit schien das Thema für Rüdiger erledigt. Kurz und knapp. Typisch Rüdiger.
Und während er längst angefangen hatte, die Wand einzukleistern, beschäftigte ich mich noch den ganzen Nachmittag mit einem einzigen Satz, zumindest einen Teil davon:
“... schon immer so gemacht…”.
Das Interessante daran ist nicht, dass er falsch wäre. Man hat etwas tatsächlich schon immer so gemacht. Nur beantwortet das überhaupt nicht die Frage.
Ich hatte schließlich nicht gefragt, wie Rüdiger es bisher gemacht hat, sondern, warum.
Das sind zwei unterschiedliche Fragen.
Wenn man etwas falsch macht, wird es ja nicht dadurch richtiger, dass man es immer schon falsch gemacht hat.
Je länger ich darüber nachdachte, desto merkwürdiger wurde dieser Satz. Eigentlich beantwortet er keine einzige Warum-Frage.
Er beantwortet ausschließlich Seit-wann-Fragen.
Nur stellt die selten jemand.
"Warum steht der Schrank da?"
"Der stand immer schon da."
"Ja. Aber warum?"
"Weil..."
Lange Pause.
"... der da eben immer stand."
“Ach so.”
Der Satz ist auch gar kein Argument - es ist eine Zeitangabe. Er beschreibt die Historie, erklärt aber nicht den Grund. Er sagt lediglich aus, dass heute etwas so ist wie gestern.
Wenn morgen alle Autos rückwärts fahren würden, könnte man in fünfzig Jahren ebenfalls sagen:
"Das haben wir schon immer so gemacht."
Ein überzeugendes Argument stelle ich mir anders vor.
Warum
Dabei gibt es durchaus gute und eher sinnvolle Antworten, zum Beispiel:.
"Das hat sich bewährt", oder
"Das ist günstiger", oder
"Das spart Zeit", oder
"Dadurch passieren weniger Fehler."
Das sind Gründe. Mit denen kann man etwas anfangen. Darüber kann man auch diskutieren.
Mit: "Das haben wir schon immer so gemacht." geht das nicht. Der Satz beendet Gespräche. Nicht, weil er besonders überzeugend wäre, sondern weil er so klingt, als wäre die Vergangenheit als solche eine Begründung. Nein, ist sie nicht.
Dieser Satz war weder jemals als Begründung gedacht, noch taugte er dafür. Er ist einfach nur eine höfliche Möglichkeit zu sagen: "Bitte keine weiteren Fragen."
Ich habe Rüdiger übrigens später noch einmal besucht.
Die Tapeten hingen gerade.
Sehr ordentlich sogar.
Über das "Warum" haben wir nicht mehr gesprochen.

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„Das darf nicht wahr sein“ in seinen Varianten.
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