
AKTE
SDM-004
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| Alltag
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Früher nannte man das Lernen.
Manche Artikel beginnen mit einem gesellschaftlichen Problem. Dieser beginnt mit einer Grillpfanne. Der Unterschied ist kleiner, als man zunächst vermuten würde.

Neulich bei KIK
Ich war neulich bei KiK.
Das allein ist noch kein Problem. Man gerät da manchmal hinein - wie in Diskussionen auf Facebook oder in Teleshopping.
Wie auch immer, worauf ich hinaus will:
Zwischen Plastikboxen, Deko, Textilien und Dingen, die vermutlich exakt einmal benutzt werden, stieß ich auf einen laufenden Regalmeter mit Grillzubehör. Ich sehe da Grillzangen, -bürsten, -schalen aus Alu, -platten aus Guss … und eine Pfanne. Mit Stiel. Aus Guss. Also eine komplett gusseiserne Grillpfanne. Keine Holzgriffe. Kein Silikon. Kein „Cool-Touch“. Kein Designpreis. Kein „Premium Cooking Experience“-Unsinn. Einfach ein schwarzer Eisenblock, mit dem man theoretisch auch Wände abstützen könnte - massiv, schwer.
Wirklich.
Und recht günstig.
Nun, ehrlich gesagt: interessant.
Gusseisen ist normalerweise eher die Kategorie „traditionelles Kochgerät oder Erbstreit“.
Aber das soll jetzt gar nicht weiter beunruhigen.
An der Pfanne steckte so eine typische Faltpappe mit Preis, Symbolen, Produktinfos. Kleine Bildchen, die Menschen erklären sollen, wie ein Gegenstand funktioniert, dessen Funktionsprinzip seit Jahrhunderten bekannt ist.
Dann sah ich den Hinweis auf der Rückseite der Pappe:
„Achtung. Gegenstand wird bei Gebrauch heiß!“
Ich stand da einen Moment.
Es war ein interessanter Moment.
Ich meine …
Also …
Naja …
WAS?
Das hier ist keine elektrische Zahnbürste, keine Drohne, kein chemisches Spezialprodukt.
Das ist eine Grillpfanne, aus Gusseisen, für einen Grill!
Das Ding erfüllt exakt einen einzigen Zweck: Heiß werden!
Wir leben also inzwischen in einer Welt, in der irgendjemand beschlossen hat, dass man Menschen ausdrücklich darauf hinweisen muss, dass eine Pfanne bei Gebrauch heiß wird.
Das eigentlich Faszinierende ist aber nicht die Warnung selbst. Auch nicht, dass Menschen dumm sein können.
Das war nie ein Geheimnis.
Erschreckend ist eher, wie fest inzwischen einkalkuliert wird, dass man Menschen wirklich alles sagen muss.
ALLES.
Nun könnte man natürlich sagen: „Dann schreibt man es eben drauf.“
Natürlich.
Man könnte auch auf ein Messer schreiben, dass es scharf sein könnte. Oder auf eine Leiter, dass man sich beim Hinaufsteigen festhalten sollte. Oder auf einen Regenschirm: „Nicht als Blitzableiter verwenden.“ Oder auf einen Fön, dass man ihn besser nicht in die volle Badewanne fallen lässt. Jedenfalls nicht, wenn jemand drin sitzt.
Die Frage ist: Wo endet das eigentlich? Denn die Pfanne ist ja nicht das eigentliche Thema. Die Pfanne ist lediglich das Endprodukt einer Denkweise.
Irgendwann hat irgendwo irgendjemand vermutlich eine heiße Pfanne angefasst. Glückwunsch dazu von meiner Seite. Dann erschien vermutlich ein Anwalt, dann ein Gutachter, dann eine Versicherung, dann irgendein Ausschuss, dann irgendeine Empfehlung, dann irgendeine Richtlinie.
Und irgendwann stand ein Hersteller vor der Wahl: Entweder wir schreiben drauf, dass die Pfanne heiß wird … oder wir verbringen die nächsten Jahre damit, Menschen zu erklären, warum es möglicherweise keine Spitzenidee war, glühend heißes Eisen mit bloßen Händen anzufassen.
Herrje.
Eigenverantwortung wird abgeschafft
Das eigentlich Faszinierende ist dabei nicht die Warnung. Das eigentlich Faszinierende ist, dass niemand diesen Hinweis braucht. Nicht KiK, nicht der Hersteller, nicht die Person, die die Verpackung gestaltet hat. Vermutlich nicht einmal die Person, die ihn lesen soll. Der Hinweis existiert ausschließlich für den Fall, dass irgendwann doch jemand eine heiße Grillpfanne anfasst und anschließend der Meinung ist, die eigene Fehlentscheidung dem Hersteller anlasten zu müssen.
Das Paradoxe daran: Der Hinweis soll vermutlich gar nicht verhindern, dass jemand die Pfanne anfasst. Er soll verhindern, dass später behauptet werden kann, niemand hätte davor gewarnt. Zumal: In dem Moment, in dem die Pfanne tatsächlich verdammt heiß ist, existiert der Hinweis gar nicht mehr. Die Pappe wurde schließlich vorher entfernt.
Eigentlich.
Und selbst wenn nicht: Der Hinweis steht auf der Pfannenunterseite!
Die Information existiert also nicht, weil sie gebraucht wird. Sie existiert, damit ihre Existenz nachweisbar ist. QED.
Nun, die Pfanne wird dadurch nicht sicherer. Auch der Benutzer wird dadurch nicht sicherer. Es ist der Hersteller, der sicherer wird, nämlich vor juristischer Verfolgung durch Benutzer mit eher schlichtem Gemüt und Rechtsschutzversicherung.
Und genau dort beginnt …
Der eigentliche Schwachsinn.
Solche Dinge entstehen nicht von allein. Irgendwo müssen Menschen zusammensitzen und zu dem Ergebnis kommen, dass eine Grillpfanne erklären muss, dass sie heiß wird.
Das muss man erst einmal schaffen.
Man könnte jetzt sagen: „Das ist halt das System.“ Das stimmt. Hilft aber nicht besonders weiter. Denn:
Systeme schreiben keine Gesetze.
Systeme erlassen keine Vorschriften.
Systeme entwickeln keine Vorstellungen davon, wie andere Menschen zu leben haben.
Das tun Menschen. Und manche dieser Menschen verbringen erstaunlich viel Zeit damit, Lösungen für Probleme zu entwickeln, die vorher niemand hatte. Möglicherweise könnte denen ein Hobby helfen.
Aus menschlicher Dummheit wird dann Bürokratie.
Aus Bürokratie wird eine Vorschrift.
Aus der Vorschrift wird ein Warnhinweis.
Und irgendwann hängt an einer Grillpfanne ein Stück Pappe, das erklärt, dass erhitztes Eisen heiß ist.
Leider kein Witz.
Nachdenken, Basiswissen? Och, nein danke.
Früher gab es für solche Erkenntnisse ein ebenso simples wie recht effizientes System:
Man machte etwas Dummes, es tat kurz weh, anschließend wusste man es.
Das Verfahren war nicht perfekt, aber erstaunlich wirkungsvoll.
Heute scheint man dagegen davon auszugehen, dass jede denkbare Fehlentscheidung bereits im Vorfeld verhindert werden muss.
Nicht durch Verstand, auch nicht durch Erfahrung, sondern durch Hinweise.
Hinweise, mehr Hinweise, noch mehr Hinweise.
Und wenn das nicht reicht, dann eben durch weitere Hinweise auf die bereits vorhandenen Hinweise. Die Grundannahme dahinter scheint zu lauten: Wenn auch nur der Hauch einer Möglichkeit besteht, dass irgendwo irgendjemand etwas Dummes tun könnte, muss jemand anderes dafür verantwortlich gemacht werden können.
Möglichst jemand mit Firmenanschrift, und / oder Rechtsabteilung, und / oder Versicherung.
Die Idee, dass derjenige verantwortlich sein könnte, der die heiße Pfanne angefasst hat, wirkt inzwischen fast diskriminierend.
“Hallo, glauben Sie etwa, ich bin dumm?”
“Ähm … naja … ”
Fazit
Genau deshalb steht dieser Satz dort.
Nicht weil die Pfanne gefährlich wäre.
Nicht weil die Menschen plötzlich vergessen hätten, wie Feuer funktioniert.
Sondern weil wir eine Welt gebaut haben, in der essentielle Dinge wie Eigenverantwortung, zunehmend wie mittelalterlich überholt behandelt werden - und zwar: Ohne dass jemand mal hinterfragt, wo das denn nun alles hinführt.
Die Pfanne kostete übrigens 12,99 Euro.
Gusseisen.
Schwer.
Robust.
Vermutlich unkaputtbar, mit einer präzisen Risikoeinschätzung: dem Käufer.
Das erklärt Einiges.
Ich habe sie übrigens gekauft.
Die Pappe liegt jetzt in der Schublade.
Wenn ich beim Grillen mal unsicher bin … "Wie war das noch gleich …?", hole sie hervor und schaue nochmal kurz drauf.
Sicher ist sicher.
Harald nickt.

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Schwachsinn
„Das darf nicht wahr sein“ in seinen Varianten.
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Rational fragwürdig. Emotional schwierig.
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Externe Betroffenheit.
